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Lautarium

Entwicklung und Evaluation eines Förderprogramms für Grundschulkinder mit Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder erhöhtem LRS-Risiko

Was ist Lautarium?

Lautarium ist ein Computerprogramm zur Förderung von Grundschulkindern mit Lese-Rechtschreibstörung (LRS) und Kindern mit erhöhtem LRS-Risiko. Das Programm Lautarium basiert auf dem internationalen Forschungsstand zu Ursachen und Interventions- und Präventions­möglichkeiten bei LRS. Die Entwicklung und Evaluation von Lautarium erfolgt im Rahmen eines Drittmittelprojekts im BMBF-Schwerpunktprogramm „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“. Weiterführende Informationen zu diesem Schwerpunktprogramm sind auf den Internetseiten der Forschungsinitiative „Enwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ abrufbar.

Was bedeutet Lese-Rechtschreibstörung?

Bei der Lese-Rechtschreibstörung  handelt es sich um eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, die durch massive und dauerhafte Schwierigkeiten im Erwerb des Lesens und Rechtschreibens gekennzeichnet ist. Diese Schwierigkeiten sind nicht durch allgemeine Intelligenzminderung, fehlende Motivation oder unzureichende schulische Unterweisung erklärbar. Die Prävalenz der Lese-Rechtschreibstörung liegt bei 4 bis 8 Prozent. Als Folge dieser Entwicklungsstörung erreichen die Betroffenen in den meisten Fällen nicht die ihren intellektuellen Fähigkeiten entsprechenden Ausbildungsabschlüsse und Beschäftigungsniveaus (Esser, Wyschkon & Schmidt, 2002).

Was genau trainiert Lautarium, und was ist der theoretische Hintergrund?

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Lese-Rechtschreibstörung (LRS) aus einem „Kerndefizit“ im Bereich der Repräsentation und Verarbeitung von Sprachlauten, d.h. aus einem phonolo­gischen Defizit, resultiert (Vellutino, Fletcher, Snowling & Scanlon, 2004). Kinder und Erwachsene mit LRS zeigen schlechtere Leistungen in Aufgaben zur Phonemwahrnehmung (z.B. Erkennen von Silben und Wörtern im Störgeräusch), zur phonologischen Bewusstheit (z.B. Wörter in Laute zerlegen oder Laute zu Wörtern verbinden), zum sprachlichen Kurzzeitgedächtnis (z.B. Nachsprechen von Kunstwörtern) und zum schnellen Abruf von phonologischen Repräsentationen aus dem Langzeitgedächtnis (z.B. schnelles Benennen von Bildern).

In zahlreichen Interventionsstudien mit von LRS betroffenen Kindern wurde versucht, die beeinträchtigten phonologischen Fähigkeiten zu trainieren, um dadurch eine Verbesserung der schriftsprachlichen Leistungen zu erzielen. Hierbei erwiesen sich die Phonemwahrnehmung und die phonologische Bewusstheit als trainierbar, und bei bestimmten phonologischen Trainingsaufgaben ließen sich Transfereffekte auf die Lese- und Rechtschreibleistungen der Kinder erreichen. Als besonders effektiv zur Förderung der schriftsprachlichen Leistungen von Kindern mit LRS erwiesen sich Trainingsprogramme, die sowohl phonologische Übungen als auch eine schrittweise Vermittlung der Graphem-Phonem-Zuordnungen beinhalten (vgl. Torgerson, Brooks & Hall, 2006).

Bei der inhaltlichen und formalen Ausgestaltung von Lautarium wurden diejenigen Aspekte weitmöglichst berücksichtigt, die sich in der internationalen Forschung zu Interventions­maßnahmen bei LRS als vielversprechend erwiesen haben. Dementsprechend umfasst Lautarium aufeinander aufbauende Übungen zur Phonemwahrnehmung und phonologischen Bewusstheit sowie Übungen zur Graphem-Phonem-Zuordnung und zum Lesen und Schreiben lautgetreuer Wörter.  Die Verbindung zwischen phonologischen und orthographischen Inhalten wird frühzeitig hergestellt, und bereits Geübtes wird in späteren Trainingsphasen im Rahmen komplexerer Aufgaben wieder aufgegriffen und gefestigt. Das Programm basiert auf umfangreichem Bild-  und Sprachmaterial (ca. 8.000 Aufnahmen von Realwörtern und Pseudowörtern einfacher und komplexer Silbenstruktur, gesprochen von professionellen Sprechern) sowie auf unterschiedlichen Bausteinen, die Laute bzw. die zugehörigen Basisgrapheme (Thomé, 2000) repräsentieren. Das Programm ist adaptiv gestaltet, sodass die trainierenden Kinder nicht über- oder unterfordert werden und die Trainingszeit optimal ausgenutzt wird.

Wie lange dauert das Training mit Lautarium?

Die Förderung mit Lautarium soll als Intensivtraining fünfmal wöchentlich für 20 bis 30 Minuten über einen Zeitraum von etwa acht Wochen erfolgen, da sich ein so strukturierter Trainingsplan in zahlreichen Evaluationsstudien bewährt hat. Zur Aufrechterhaltung der Motivation über den Trainingszeitraum ist Lautarium mit einem virtuellen Belohnungssystem ausgestattet, das einen Anreiz zur zügigen und möglichst fehlerfreien Bearbeitung der Aufgaben schafft: Für korrekte Lösungen gesammelte Punkte werden in virtuelles Geld eingetauscht, mit dem Fische, Pflanzen und andere Objekte zur Einrichtung eines animierten Aquariums „eingekauft“ werden können.

In welchen Kontexten kann das Training mit Lautarium durchgeführt werden?

Das Programm Lautarium kann im Rahmen der außerschulischen und schulischen Förderung eingesetzt werden. Die bisherigen Studien bestätigen die Praktikabilität des Programms für den schulischen Einsatz und die hohe Akzeptanz bei Lehrkräften, Eltern und Kindern. Da Instruktionen, Feedback, Aufgabenwahl etc. vom Programm selbst geleistet werden, können die Kinder das Programm quasi selbständig durcharbeiten. Es ist daher auch für den Einsatz im Elternhaus geeignet.

Gibt es Belege für die Wirksamkeit von Lautarium?

Bisher wurden drei Studien mit dem Programm Lautarium durchgeführt. Im Rahmen einer ersten empirischen Prüfung (Klatte, Steinbrink, Bergström & Lachmann, 2013) konnte bestätigt werden, dass die im Programm enthaltenen Trainingsaufgaben die phonologischen Defizite von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörung wie beabsichtigt abbilden: Leseschwache Grundschulkinder zeigten in allen Aufgaben schlechtere Leistungen als gleichaltrige Kontrollkinder mit mindestens durchschnittlichen Leseleistungen. Die Effektstärken der Gruppenunterschiede lagen im mittleren bis hohen Bereich. Die Trainingsaufgaben erwiesen sich somit als grundsätzlich geeignet, um phonologische Fähigkeiten bei Kindern mit Lese-Rechtschreibstörung zu fördern. Im nächsten Schritt wurden die Effekte des Trainings mit Lautarium auf die phonologischen und schriftsprachlichen Leistungen bei Grundschulkindern mit Lese-Rechtschreibstörung (Evaluationsstudie 1) sowie bei unselektierten Erstklässlern (Evaluationsstudie 2) untersucht (Klatte et al., 2014). In beiden Studien wurde ein Kontrollgruppendesign mit drei Messzeitpunkten realisiert: Vortest vor Trainingsbeginn, Nachtest 1 unmittelbar nach Trainingsende, Nachtest 2 zehn Wochen nach Trainingsende.

An Evaluationsstudie 1 nahmen 41 von Lese-Rechtschreibstörung betroffene Drittklässler teil. Die Kinder, die mit dem Programm trainierten (N=20) zeigten in beiden Nachtests im Vergleich zur Kontrollgruppe (N=21) bessere Leistungen in Untertests zur Phonemwahrnehmung, phonologischen Bewusstheit und lautgetreuen Rechtschreibung. Weiterhin zeigten die Kinder der Trainingsgruppe im Nachtest 2 signifikant bessere Leistungen im Vorlesen von Wörtern und Pseudowörtern. An Studie 2 nahmen Erstklässler teil, da geprüft werden sollte, ob das Programm prinzipiell auch zur Unterstützung des beginnenden Schriftspracherwerbs geeignet ist. Im Vergleich zur Kontrollgruppe (N=35) zeigten die Kinder der Trainingsgruppe (N=41) in beiden Nachtests bessere Leistungen in Untertests zur phonologischen Verarbeitung und zum Lesen und Rechtschreiben.

Insgesamt erwies sich das Training somit in beiden Gruppen als effektiv. Die Studien ergaben aber auch Hinweise auf Optimierungsmöglichkeiten des Programms für beide Zielgruppen, die im Rahmen der derzeit laufenden zweiten Förderphase des Projekts umgesetzt werden sollen. Zudem wird in der zweiten Förderphase eine weitere Evaluationsstudie zur Wirksamkeit des Trainings mit Lautarium bei Kindern, die nach dem ersten Grundschuljahr erhebliche Probleme mit dem Schriftspracherwerb zeigen, durchgeführt.

Wie kann ich Lautarium nutzen?

Lautarium ist zurzeit noch nicht veröffentlicht. Das Programm wird voraussichtlich Ende des Jahres 2016 im Handel erhältlich sein.

Wo kann ich weitere Informationen erhalten?

Diese Seiten werden kontinuierlich aktualisiert. Weiterführende Informationen erhalten Sie über die Publikationen zum Projekt sowie auf den Internet-Seiten der Forschungsinitiative „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“.

Publikationen zum Programm Lautarium

Klatte, M., Steinbrink, C., Prölß, A., Estner, B.; Christmann, C. & Lachmann, T. (2014). Effekte des computerbasierten Trainingsprogramms "Lautarium" auf die phonologische Verarbeitung und die Lese-Rechtschreibleistungen bei Grundschulkindern. In: Schulte-Körne, G. (Hrsg.). Legasthenie und Dyskalkulie - Neue Methoden zur Diagnostik und Förderung (S. 127-144). Bochum: Winkler.

 

Eine Darstellung des Programms Lautarium findet sich auch in folgendem Buch (S. 178 – 179):

Steinbrink, C. & Lachmann, T. (2014). Lese-Rechtschreibstörung: Grundlagen – Diagnostik- Intervention. Heidelberg: Springer VS.

Literatur

Esser, G., Wyschkon, A. & Schmidt, M. H. (2002): Was wird aus Achtjährigen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung. Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31 (4), S. 235–242.

Thomé, G. (2000). Linguistische und psycholinguistische Grundlagen der Orthografie: die Schrift und das Schreibenlernen. In R. Valtin (Ed.). Rechtschreiben lernen in den Klassen 1-6. Grundlagen und didaktische Hilfen (pp. 12–16). Frankfurt am Main.

Torgerson, C.; Brooks, G. & Hall, J. (2006). A systematic review of the research literature on the use of phonics in the teaching of reading and spelling. Nottingham: DfES Publications.

Vellutino, F. R., Fletcher, J. M., Snowling, M.J. & Scanlon, D. M. (2004). Specific reading disability (dyslexia): what have we learned in the past four decades? Journal of Child Psychology and Psychiatry, 45 (1), 2-40.

Kontakt

apl. Prof. Dr. Maria Klatte

Technische Universität Kaiserslautern

Fachbereich Sozialwissenschaften

Kognitive und Entwicklungspsychologie

Erwin-Schrödinger-Str. 57

67663 Kaiserslautern

Email: klatte[at]rhrk.uni-kl.de